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Im August 1980 kam Gökay Sofuoglu als 18-Jähriger gemeinsam mit seinem Bruder nach Stuttgart.   
Foto: Zweygarth (Stutttgarter Zeitung)

Berich aus der Stuttgarter Zeitung vom 12.10.09


Stuttgart - Am 8. August 1980 um 8 Uhr hat meine Integrationsschule begonnen. Ich kam in München an, schaute die Menschen mit den blonden Haaren an und dachte, sie alle schauen mich an. Dann kam ich nach Stuttgart und erlebte zum ersten Mal, wie schwierig Integration sein kann. Ich wartete mit meinem Vater und meinem Bruder, der mit mir aus der Türkei gekommen war, vor dem Hauptbahnhof auf die Straßenbahn. Auf dem anderen Gleis küsste sich ein Paar. Ich muss so hingestarrt haben, dass ich die Straßenbahn nicht bemerkte. Mein Vater und mein Bruder saßen drin. Und ich war allein mitten in Stuttgart. Nur mit einem Wort Deutsch, von dem ich später erfahren habe, dass es nichts bedeutet: egal.

In diesem Moment tauchten in meinem Kopf viele Fragen auf. Warum bin ich hier? Was soll ich machen? Was passiert, wenn ich verloren gehe? Diese Fragen stelle ich mir heute noch, nur haben sie eine andere Qualität bekommen. Und wenn ich gerade mal nicht selbst darüber nachgrüble, dann findet sich sicher ein Schwabe mit Stammbaum, der von mir wissen will: Gökay, warum bist du in Deutschland? Was hast du vor und wann gehst du zurück? Aber ich gehe nicht zurück, ich bleibe hier. Ich habe einen deutschen Pass. Ich habe eine Arbeit, die mir Vergnügen macht. Ich habe zwei Söhne, die hier geboren sind.

Manchmal werde ich auch gefragt, was ich von der Stuttgarter Integrationspolitik halte. Dann kann ich nur sagen, dass es mich freut, dass Stuttgart einen Oberbürgermeister hat, der die Integrationspolitik zur Chefsache gemacht hat, der Einbürgerungskampagnen startet und der mit seiner internationalen Stadt wirbt. Es freut mich auch, dass es Integrationskonzepte gibt, die alle paar Jahre fortgeschrieben werden und Kommunalpolitiker, die sich dazu bekennen.

Es ist wichtig, die Zuwanderer in der Schule zu fördern

Bei meiner täglichen Arbeit als Sozialarbeiter im Haus 49 sehe ich aber auch, dass noch immer ein großer Teil der Zuwandererkinder auf den Hauptschulen landet. Das war vor mehr als 20 Jahren, als wir mit der Hausaufgabenhilfe im Haus 49 begonnen haben, kein Problem. Damals konnten wir Erzieher guten Gewissens den Hauptschülern sagen, wenn deine Noten einigermaßen ausfallen und du dich bemühst, dann bekommst du eine Lehrstelle. Und tatsächlich haben 60 bis 70 Prozent der Migrantenkinder problemlos eine Stelle gefunden. Heute müssen wir die besten Hauptschüler darauf vorbereiten, dass sie mit Gymnasiasten konkurrieren. Und dem durchschnittlichen Schüler müssen wir sagen, dass es für ihn schlecht aussieht auf dem Ausbildungsmarkt.

Auf meinen Spaziergängen durchs Nordbahnhofviertel treffe ich sie, die Zuwandererkinder von damals, die Kroatin Patricia zum Beispiel, die heute Geschäftsführerin einer Frisörkette ist, Tahsin, der eine Edeka-Filiale leitet oder Yasemin, die heute selbst Lehrerin ist. Im Jahr 2009 haben die Hauptschüler nicht annähernd dieselben Chancen, umso wichtiger ist es, die Zuwanderer in der Schule zu fördern. Das haben längst auch Stuttgarts Politiker erkannt und Geld zur Verfügung gestellt, zum Beispiel, um Ganztagsschulen einzurichten. Das ist löblich.

Aber reichen die Bemühungen aus, um in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit die Chancen der jungen Türken und Italiener zu verbessern? An einigen Hauptschulen gibt es gute Projekte mit ehemaligen Schülern, die Neuntklässler bei ihren Bewerbungen helfen oder mit Senioren, die den Jugendlichen sagen, welche Berufe überhaupt für sie infrage kommen. Aber das sind kleine Inseln, meist für eine bestimmte Zeit gefördert von Stuttgarter Stiftungen, die in Bildung investieren wollen.

 

Stuttgart hat so viele Migranten im Gemeinderat wie noch nie

Oder nehmen wir die Kindergärten. Obwohl inzwischen 95 Prozent der Migrantenkinder einen Kindergarten besuchen, zeigt sich bei der Einschulung, dass viele türkische, italienische oder griechische Kinder keinen einfachen deutschen Satz formulieren können. Das Problem ist bekannt, und trotzdem dauert es noch Jahre, bis in allen Kindergärten eine zusätzliche Sprachförderung angeboten werden kann. Haben wir so viel Zeit? - Stuttgart hat ein Integrationskonzept, einen Internationalen Ausschuss und einen Integrationsbeauftragten.

Stuttgart hat so viele Migranten im Gemeinderat wie noch nie. Stuttgart hat ein Forum der Kulturen, in dem sich ausländische Vereine wiederfinden. Es ist also nicht falsch zu sagen, dass Stuttgart eine besondere Stadt der Integrationspolitik ist. Es ist aber auch nicht falsch zu sagen, dass am Ende vieles an Finanzen und Prioritäten scheitert.

Am 8. August 1980 hat meine Integrationsschule begonnen. Ich habe viele Chancen bekommen - und habe sie auch genutzt. Im Fröbelseminar in Stuttgart habe ich mit Hilfe der Robert Bosch Stiftung eine Erzieherausbildung absolviert. Schon damals ging es darum, ausländische Fachkräfte für ausländische Kinder auszubilden, ein Ansatz, den ich bis heute für wichtig halte. Später habe ich bei der Caritas in Stuttgart als erster Muslim eine Sozialarbeiterstelle bekommen. Damals war meine Einstellung heftig umstritten, heute sind muslimische Sozialarbeiter keine Seltenheit mehr.

Heute finden sich Türken in Anwaltskanzleien, in Unternehmensberatungen und nicht mehr nur in der Kebabbude. Italiener, Spanier und Griechen engagieren sich in der Politik und türkischstämmige Jungs schießen für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Tore. Jetzt muss dies nur noch zur Normalität werden. Bis dahin gibt es noch ein paar Hürden zu nehmen. Als ich während der Fußball-WM mit der türkischen und der deutschen Fahne und einer blonden Bekannten durch Stuttgarts Straßen lief, hörte ich plötzlich: "Nicht nur die Frauen, auch unsere Fahne nehmen sie uns weg." Hübsch nicht? Wenn mich niemand mehr fragt, woher ich komme und wann ich wieder gehe, dann ist meine Integrationsschule abgeschlossen.

Zur Person: Gökay Sofuoglu


Herkunft

Gökay Sofuoglu stammt aus der türkischen Stadt Kayseri in Mittelanatolien. Seine Eltern leben heute wieder dort. Im August 1980 kam Sofuoglu als 18-Jähriger gemeinsam mit seinem Bruder nach Stuttgart. Die Brüder wohnten ein Jahr lang bei einem Onkel, bevor sie ihre eigenen Wege gingen. Der Vater lebte damals in Österreich, die Mutter in der Türkei.
Beruf

Im Fröbelseminar hat der heute 47-Jährige eine Erzieherausbildung gemacht und anschließend in Kornwestheim mit Kindern von Obdachlosen gearbeitet. 1990 kam der Sozialarbeiter in das Haus 49, einer Einrichtung der Caritas Stuttgart, die bis heute Anlaufstelle für die Kinder des Nordbahnhofviertels ist. Der 47-Jährige leitet das Haus seit neun Jahren. Gökay Sofuoglu hat zwei zwölf und 15 Jahre alten Söhne.

Passfragen

Der 47-Jährige hat 1996 seinen deutschen Pass bekommen. Seine türkische Staatsangehörigkeit hat er behalten.


 

Die Mobile Jugendarbeit arbeitet mit Kindern und Jugendlichen in 19 Stuttgarter Stadtteilen. Die dezentrale Organisation in Form von 16 Stadtteilgesellschaften (GBR) ist eine gute und bewährte Struktur. Mit wachsender Zahl der Einzelgesellschaften wurde eine zentrale Steuerung notwendig. Der Dachverband für Mobile Jugendarbeit Stuttgart vereint die Stadtteilgesellschaften unter einem organisatorischen Dach und sichert die konzeptionelle Ausrichtung und Weiterentwicklung der Arbeit.